Was eigentlich kommt nach dieser Krise? Auch die größten Veränderungen in der Geschichte haben dort begonnen, wo es im Alltag, im alten System, plötzlich klemmte und Veränderung nicht mehr hinaus geschoben werden konnte. Was also könnte, was sollte geschehen?
Allein seit Anfang dieses Jahrzehnts hatte sich laut Weltwährungsfonds die global vorhandene Geldmenge verdoppelt – von 36 Billionen Dollar auf 70 Billionen. Möglich wurde das, weil die reale Wertschöpfung in China, Indien, Osteuropa und auch einigen arabischen Emiraten enorm wuchs. Doch dieses Geld floss nicht in produktive Investitionen sondern, in die internationalen Kapitalmärkte. Die erste Schlussfolgerung aus der derzeitigen Krise lautet also, dass die Art und Weise verändert werden muss, in der darüber entschieden wird, was mit dem gesellschaftlichen Reichtum geschieht. Die indischen Kapitalisten suchten keinen Weg, die elende Armut in ihrem Land zu lindern, und die chinesischen Kommunisten zierten sich, die überlaufenden Staatsfonds zur Sanierung der maroden Staatsbetriebe und Bergwerke einzusetzen. Auch und erst recht bei uns wurden die Gewinne aus der Globalisierung zunehmend privatisiert und nicht in die Zukunft der Gesellschaften investiert. Jetzt ist die Frage erstmals seit langem ein Stück weit offen. Jetzt besteht die Möglichkeit – und die Notwendigkeit! – dass diejenigen, die den Reichtum hervor bringen, in diese Entscheidungen auch eingreifen. Die Demokratie macht das möglich – aber ohne mehr Demokratie wird es am Ende nicht funktionieren. Weiter: Die Art und Weise, wie auf dieser Welt mit Geld umgegangen wird, muss revidiert werden. Geld hat – da behält Marx recht – seinen Sinn als Maß der produzierten Werte. Deswegen müssen Institutionen gefunden werden, die darauf achten, dass diese Beziehung nicht wieder aus den Fugen gerät. Das hat dann mit Rating-Agenturen, Finanzaufsicht, Zentralbanken, mit Zulassung oder Verbot von „Finanzprodukten“ und anderem zu tun. Auch mit der Frage, ob Unternehmen weiter nach dem Shareholder-Value-Konzept allein am Bargeldfluss gemessen werden dürfen oder nicht. Es geht um die Frage, ob und wie hier gesellschaftliche Interessen gegen die eigennützige Unvernunft der Finanzmarktakteure durchgesetzt werden. Auch das ist eine zutiefst politische Frage und auch hier wird die Politik nur dann die nötige Kraft aufbringen, wenn sie auf demokratische Weise gestärkt wird.
Drittens: Was ist eigentlich in den Unternehmen selbst los? Was eigentlich beaufsichtigen die Aufsichtsräte? Was ist mit den Managern? Warum verdienen sie so wie früher die Top-Unternehmer – teilen aber nicht deren Risiken? Warum bekommen sie Bonuszahlungen auch bei Verlusten? Was eigentlich gilt als Erfolg, der Sonderzahlungen rechtfertigt – und was müsste tatsächlich Maßstab des Unternehmenserfolges sein? Der Aktienwert? Oder besser eine nachhaltig stabile Unternehmensentwicklung mit zukunftsfähigen Produkten und Leistungen, mit guter Arbeit und guten Löhnen? Darum geht es doch – und nicht allein um die pauschale Begrenzung der Managergehälter. Auch ist eine demokratisch gestärkte Politik gefragt – aber auch eine starke Demokratie im Unternehmen selbst. Die Beschäftigten müssen Einfluss auf die Unternehmensstrategie ausüben können (auch durch einen in diesem Sinne politischen Streik) – nicht nur über den sozialen Ertrag verhandeln können. Das sind die Fragen, die das Leben in der Krise stellt. Werden sie konsequent beantwortet, steht am Ende eine neue Art von Marktwirtschaft: eine sozial wiederbelebte, vor allem aber demokratische Marktwirtschaft. Es wäre ein gewaltiger Schritt vorwärts.